Zensurprovider verlassen – aber wie?

Die Petition gegen die Indizierung und Sperrung von Internetseiten hat soeben in Rekordzeit die kritische Marke von 50.000 Zeichnern und Zeichnerinnen genommen. Die Petition und die bisherige Debatte im Netz hat gezeigt, dass sehr viele Menschen ein Problem mit den Plänen der Bundesregierung haben. Für dieses Vorhaben müssen die Zensurprovider vermutlich ihre AGB ändern, um zensieren zu können. Wenn man diese Änderung ablehnt, kann der Provider dies entweder akzeptieren oder vorab kündigen. Vielleicht besteht sogar ein Sonderkündigungsrecht. In beiden Fällen, stünde einem Wechsel zu einem anderen Provider dann doch eigentlich nichts im Wege, oder etwa doch?

Hat denn eigentlich schon mal jemand ernsthaft versucht, von seinem bisherigen Zensurprovider zu einem Internetprovider zu wechseln, der seinen Internetzugang nicht zensiert? Ich habe es getan und nach meinen Recherchen sieht es ganz so aus, als käme für Privatkunden da nur manitu in Frage. Also wieso wechseln wir nicht einfach alle zu manitu?

Das wäre wohl zu schön, um wahr zu sein. Das Problem bei der Sache ist nämlich, dass manitu aus technischen Gründen, einen DSL Anschluss der Telekom voraussetzt. Dies allein wäre noch unproblematisch, weil die Telekom dann nicht zensieren könnte, da aller Datenverkehr direkt über manitu liefe. Das eigentliche Problem besteht aber darin, dass man einen T-DSL Anschluss allein so gut wie gar nicht, oder nur unter erheblichen Mehrkosten bekommt.

Die meisten aufgeklärten Internetnutzerinnen zahlen vermutlich nicht die Wucherpreise der Spitzelkom und haben ein Komplettpaket (Telefon und Internet in einem Anschluss mit Flatrates) bei einem der vielen anderen Anbieter, die leider auch alle zensieren werden. Nutzer dieser Komplettpakete sind von vornherein von der Nutzung alternativer Internetprovider ausgeschlossen.

Aber auch Kundinnen der Spitzelkom, die bereits den passenden DSL Anschluss haben, können im Prinzip nicht zu einem anderen Internetanbieter wechseln, denn die Tarifstruktur der Spitzelkom sieht dies nicht vor. Auch dort herrschen besagte Komplettpakete vor. Einfach nur einen T-DSL Anschluss bestellen scheint nicht möglich, oder ist, wie die Auftrennung eines Komplettpaketes, mit erheblichen Mehrkosten verbunden. Wer unzensierte Kommunikation und unzensierten Zugang zu Information über das Internet möchte, muss dafür sehr tief in die Tasche greifen.

Diese branchenweit verbreitete Bündelung von Telefon- und Internetanschlüssen behindert meiner Meinung nach massiv den Wettbewerb im Bereich Internetzugänge. Ein paar wenige große Unternehmen, die sich in ihren Angeboten quasi kaum Unterscheiden teilen den Markt mit ihren Komplettpaketen unter sich auf und verdrängen kleinere Internetprovider, die kein Komplettpaket anbieten können, vom Markt, indem sie ihren Telefonanschlusskunden das Wechseln ihres Internetanschlusses unmöglich machen. Selbst die Telekom, die vom Regulierer gezwungen ist, ihren Kunden dies zu ermöglichen, macht ihnen unheimlich schwer und kostspielig.

Sollte unsere staatliche Regulierungsbehörde, die Bundesnetzagentur, hier nicht aktiv werden? Vielleicht ist diese Bündelung zu unbedeutend, als dass sie sich damit befassen müsste. Nachfragen schadet aber nichts. Wenn viele Netzbürger bei der Bundesnetzagentur anfragen, bezieht diese vielleicht öffentlich Stellung und befasst sich eventuell sogar mit der Angelegenheit. Einen Versuch ist es Wert. Möglicherweise macht es auch Sinn, dass Kartellamt einzuschalten.

Disclaimer: Meine Recherchen könnten unvollständig oder ungenau sein. Falls hier jemand noch mehr oder gar andere Informationen hat, lasse ich mich sehr gerne belehren! Auch habe ich auf Argumente, wieso eine Internetzensur eine schlechte Idee ist verzichtet, weil dies schon hinlänglich anderswo geschehen ist.

Update:
Es gibt etwas mehr Infos zum notwendigen DSL-Anschluss. Man kann ihn wohl nur telefonisch bei der Telekom Kundenhotline (0800 330 1000) bestellen und selbst dort muss man auf einen reinen T-DSL-Anschluss insistieren und Versuche abwehren, sich ein Komplettpaket andrehen zu lassen.
Manitu war so freundlich, uns die aktuellen Preise (Stand: 17.04.2009) mitzuteilen:

DSL 1.000 - 17,43 Euro pro Monat
DSL 2.000 - 20,51 Euro pro Monat
DSL 6.000 - 25,64 Euro pro Monat
DSL 16.000 - 30,77 Euro pro Monat

Hinzu kommt in der Regel auch noch eine einmalige “Bereitstellungsgebühr” in Höhe von 99,95 Euro.
Ein breitbandiger Internetanschluss ohne Zensur und Vorratsdatenspeicherung kostet also zur Zeit mehr als 40 Euro pro Monat plus 100 Euro einmalig. Das ist mehr, als ein Komplettpaket (Telefon + Festnetzflat + Internetflat) kostet.

2 Responses to “Zensurprovider verlassen – aber wie?”

  1. Jürgen Fricke Says:

    Wenn ich das recht verstehe dann muss die QSC AG z.Zt. nicht auf Vorrat speichern.
    Siehe http://sigint.ccc.de/sigint/2009/Fahrplan/speakers/2376.en.html

    Schade nur, dass dieser ISP keine neuen Privatkunden mehr versorgen möchte

  2. Skype and Censorship « Torsten’s FSFE blog Says:

    [...] the arguments against it in more detail. German fellows might also be interested in my post about how to change to ISPs that don’t engange in censorship and data retention. Both articles show how I am thinking and expose my stance on freedom. Reading them might help you [...]